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Liliom und Julie
Von Karoline | 16.Juni 2008
Ich wurde hier in Kommentaren gefragt, wie aktuell ich das Stück Liliom und im Besonderen die Rolle der Julie heute noch finde.
Erst einmal geht es in diesem Stück ja um Liebe und was von Liebe handelt, muss etwas mit heute zu tun haben. Natürlich spielt es in einem historischen Hintergrund mit einer für heutige Verhältnisse altmodischen Sprache. Aber es werden ganz zentrale Dinge einer Liebe verhandelt: Liliom ist der Star des Praters, muss dieses Leben aber für seine Liebe zu Julie und seinen Wunsch nach einem gemeinsamen Leben aufgeben. Er verliert dadurch einen großen Teil seiner Selbst und hat fortan eine Sehnsucht dahin zurück. Denn da war er groß, das konnte er. Lieben und gut zu jemanden sein, jemanden glücklich machen, dass sind Dinge die neu für ihn sind. Da fühlt er sich unsicher und schwach und kann mit Fehlern nicht umgehen und wird wütend und fängt an zu schlagen.
Hier steht der öffentliche Raum des Berufs gegen den privaten Raum einer Beziehung oder Familie und diese im Konflikt zueinander. Wie sehr darf man sich aufgeben. Und je mehr Julie das aushält und ihn trotzdem bedingungslos liebt und je mehr sie stark ist für ihn desto stärker empfindet er das als Spiegel seiner Unfähigkeit und Schwäche und seiner Schuld und sieht in Julies Blick eine immer größer werdende Anklage. Julie hat ihre Existenz und ihren Anstand für ihn aufgegeben. Ohne ihn wäre sie jetzt verloren. Sie hat sich von ihm abhängig gemacht und ihr ganzes Leben zum Geschenk gemacht. Sie lebt nur noch für ihn. Diese Verantwortung erdrückt ihn. Die beiden können nicht miteinander kommunizieren. Immer entstehen Missverständnisse. Liliom will Julie ein Zuhause geben können. Aber er kann nicht einem normalen Beruf nachgehen, das ist er nicht, das kann er nicht. Dadurch kann er Julie nichts zu essen bringen oder ein Dach über dem Kopf bieten. Dafür hasst er sich so sehr, dass ihn die Schuld erdrückt. Julie aber will gar nicht dieses Heim. Sie will einfach nur seine Liebe und mit ihm zusammen sein. Wie und wo ist ihr egal. Sie hat diese konservativen Vorstellungen nicht, nur versteht Liliom das nicht. Weil sie nie miteinander sprechen. Weil sie aber auch keinen Ort haben, an dem sie in Ruhe und alleine sind. Weil sie in einem Treppenhaus leben, gleich hinter dem Prater.
Es geht um Nähe und Distanz und Missverständnisse und Kommunikation und dem Konflikt zwischen dem eigenen Ego und der Liebe und der Balance von beidem. Es geht um das Missverhältnis von eigenen Sehnsüchten und gesellschaftlichen Maßstäben, denen man als Individuum in dieser Gesellschaft unterliegt, da man sie in sich trägt. Es geht um eine große Liebe die an dem Druck von außen und der Unfähigkeit der Figuren, die eigenen inneren Konflikte zu behandeln, zerbricht.
Ich finde das sehr aktuell. Man kann fast jeden Satz dieses Stücks (in der Fassung wie wir sie spielen) auf heute münzen.
Topics: Nachgedacht, Theater
Tags: Liliom, Weimar

Am 16. Juni 2008 um 11:36 Uhr
Es ist unmöglich jemanden zu lieben, wenn man sich selbst nicht liebt. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Ich bin nicht sehr christlich, aber das stimmt wohl und ich kanns total nachvollziehen. Liliom erkennt wohl am Spiegel Julie, dass er ein Versager ist und hasst sich dadurch noch mehr. Wie unglaublich mitreissend ein Absturz in Hartz 4 sein muss. Das hält bestimmt keine Beziehung aus. Kommunikation sind nicht nur Worte. Ein Toller Feed, sehr schön Madame
Am 16. Juni 2008 um 16:31 Uhr
Ganz toll, dem kann ich nur zustimmen! Ich würde auch sagen, dass es gar nicht auf die altmodische Sprache ankommt, denn für den Zuschauer ergibt sich die Aktualität ganz von selbst. Wenn man die Szenen sieht, z.B. wie sich Liliom darüber freut, Vater zu werden, aber gleichzeitig eigentlich gerade den Entschluss gefasst hat, in sein altes Leben zurück zu kehren, kann man sich das doch gerade in der heutigen Zeit vorstellen. Ich habe so etwas sogar slebst schon in ähnlicher Form erlebt.
Mich hat der Abend wirklich nachhaltig beeindruckt. Auch, wenn es schon über eine Woche her ist, denke ich doch noch oft und mit Begeisterung daran zurück!
Viele liebe Grüße,
Cat
Am 21. Juni 2008 um 21:35 Uhr
Das ist eine sehr sympathische Beschreibung! Ich stimme in allem zu. ‘Das Missverhältnis von eigenen Sehnsüchten und gesellschaftlichen Maßstäben’ bewegt tatsächlich viele. Denn es existiert nur, wenn die Unterschiede in unserer Klassengesellschaft zu groß sind. Wir sollten also nicht die Sehnsüchte bekämpfen sondern die Unterschiede nivellieren.
Sehnsucht ist eine menschliche Dimension, die kein Verhängnis ist sondern riesiges Potential. Auch wenn sie Liliom in einen tragischen Konflikt getrieben hat, Sehnsucht treibt uns alle an.
Danke für den schönen Beitrag!
Gruß von Heinz
Am 1. Juli 2008 um 23:13 Uhr
Danke für eine wunderbare Beschreibung der Liebe! Die Balance zwischen Nähe und Distanz. Die Balance zwischen dem eigenen Ego, also der Liebe zu sich selbst, und der Liebe zu jemanden anderen. Dieses Gleichgewicht zu finden ist die wahre Kunst im Leben mit der man den Partner und sich selbst glücklich und zufrieden machen kann. Die Liebe ist das Elementarste, was das Leben zu bieten hat.